Reformatio
Der Podcast der Zeitschrift "Bekennende Kirche". www.bekennende-kirche.de
Reformatio
Gesetzlichkeit oder Gesetzlosigkeit? (#390)
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Zwei Gefahren lauern hinter jedem richtigen Verständnis von Gesetz und Evangelium: Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit. Jochen Klautke und Lukas Strauß sprechen darüber, warum beide das Evangelium verfehlen.
Zentrale Erkenntnisse:
• Gesetzlichkeit macht den Status vor Gott von unserem Gehorsam abhängig – statt allein von Christus.
• Gesetzlosigkeit erklärt das biblische Gesetz für irrelevant oder lebt praktisch so.
• Wie verhalten sich Gesetz und Evangelium zueinander? Das Evangelium steht vor dem Gesetz: Rechtfertigung allein aus Gnade, Heiligung aus der Kraft derselben Gnade.
• Was ist christliche Freiheit? Freiheit in Christus bedeutet weder Werkegerechtigkeit noch Gesetzlosigkeit, sondern Gehorsam aus Gnade.
• Gnade, Freiheit und Gehorsam gehören zusammen – die Gnade nimmt uns in Zucht.
Die Lösung für beide Extreme ist dasselbe: das Evangelium.
Hör rein und finde den gesunden Weg zwischen Gesetzlichkeit im Christentum und Freiheit in Christus. 🎧
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Intro-Musik: David Klautke
Outro-Musik:
Heartwarming by Kevin MacLeod
Link: https://incompetech.filmmusic.io/song/3864-heartwarming
License: https://filmmusic.io/standard-license
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Einleitung: Rückblick auf „Gesetz und Evangelium"
SPEAKER_01Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Reformatio. Jochen, ich freue mich wieder, dass du heute da bist und wir sprechen über ein Thema, über das haben wir schon mal gesprochen.
SPEAKER_00Ah, zumindest ja, genau, wir setzen das fort, würde ich sagen.
SPEAKER_01Genau, wir haben vor einigen Monaten, ich weiß gar nicht mehr, wann es genau war, eine Folge gemacht zum Thema Gesetz und Evangelium. Wir haben einfach ganz grob darüber gesprochen, was ist eigentlich das Gesetz, was ist eigentlich das Evangelium und vor allem, wie ist das Verhältnis von den beiden. Und heute wollen wir anschließend daran einmal besprechen, was eigentlich zwei große Gefahren sind. Also was kann man eigentlich falsch verstehen, wenn man Gesetz und Evangelium nebeneinander legt, wenn man beide anschaut, wo könnte man das missverstehen?
SPEAKER_00Genau, und ich glaube, ich habe mal ein Buch gesehen, was über diese Missverständnisse gesprochen hat. Das hieß Kinderkrankheiten des Glaubens. Und ich fand diese Aussage sehr gut, weil ich glaube, es sind Gefahren, in denen stecken alle Christen, oder die sind alle Christen in der Gefahr, da reinzufallen oder daran zu erkranken, ich sag's mal so. Aber vor allem junge Christen. Also kann sein vom Alter her gemeint, aber auch wenn sie schon älter sind, aber noch nicht lange her zum Glauben gekommen sind. Und ich glaube, dass es gerade diese beiden Bereiche, über die wir heute sprechen wollen, ja, ganz besonders zentral sind für ein gesundes Christenleben, dass man sie vermeidet, dass man sie erkennt, bekämpft, versucht zu umschiffen und gleichzeitig, dass man ja. Weil ansonsten ist, glaube ich, einiges im Argen in unserem christlichen Leben und mit Einflüssen auf viele andere Bereiche.
Was ist Gesetzlichkeit?
SPEAKER_00Ja.
SPEAKER_01Und das ist zum einen, die beiden Probleme, die wir jetzt besprechen wollen, sind zum einen die Gesetzlichkeit und zum anderen die Gesetzlosigkeit. Lass uns zum Anfang mal die Frage stellen, was ist eigentlich Gesetzlichkeit? Also was bedeutet es, wenn man sagt, man, diese Person, diese Gemeinde ist gesetzlich und was ist auch das Problem daran?
SPEAKER_00Ich glaube, das Spannende ist, wenn heute so im, ich sag mal, auf freikirchlichen evangelikalen Spektrum Leute sagen, ja, und die Gemeinde, wo ich herkomme, wo ich aufgewachsen bin, die Gemeinde, wo meine Frau herkommt oder wie auch immer, ist gesetzlich. Dann damit meistens heute Gemeinden, die ganz viele Regeln haben, wie man sich verhalten muss. Ja, also trink keinen Alkohol, geh nicht ins Schwimmbad, darfst nur folgende Klamotten tragen, wie auch immer. Und ich würde sagen, das ist Teil von Gesetzlichkeit, aber ich würde tatsächlich sagen, es ist eher die praktische Folge von theologischer Gesetzlichkeit. Ich glaube, Gesetzlichkeit im Kern ist nicht so sehr gewisse strenge Regeln, wenn man die hat oder wenn man sagt als Christ, ich folge denen. Ich glaube, man kann sogar sich selbst recht strenge Regeln setzen, weil man meint, das braucht man und gleichzeitig überhaupt nicht gesetzlich sein. Gesetzlichkeit im Kern ist die Überzeugung, mein Status vor Gott als Kind Gottes. Als jemand, der gerechtfertigt vor Gott steht, als jemand, der weiße Kleider anhat, für den das gilt, was wir in Römer 8 am Anfang lesen, dass keine Verdammnis mehr in Jesus Christus für so jemanden besteht. Und Gesetzigkeit sagt, das alles gilt durch meinen Gehorsam. Wir haben letztes Mal über das Evangelium gesprochen, da haben wir festgestellt, das alles gilt für mich durch das, was Jesus Christus außerhalb von mir, ohne mich, lange bevor es mich gab, getan hat, durch Leben, Kreuz und Auferstehung. Und Gesetzlichkeit sagt, nein, dieser gerechte Status vor Gott, dieser Status als Kind Gottes, den habe ich, weil ich Gehorsam bin. Weil ich das Gesetz einhalte. Und das ist super fatal, weil das im Prinzip dann eine Form von Werkegerechtigkeit ist oder eben Gesetzlichkeit.
SPEAKER_01Und ich glaube auch, eine Beobachtung, die mir immer wieder auffällt, ist, dass es eigentlich gar nicht immer diese theologische Haltung ist, zu sagen, na, ich muss eben das und das und das tun, erst dann bin ich ein Christ, sondern dass es eher dieses praktische Denken ist und dass man ganz schnell reinrutscht, dass man eigentlich schon auf dem Papier bekennen würde, wir sind gerettet durch die Gnade. Wir sind gerettet durch das, was Jesus für uns getan hat und nicht durch das, was wir selbst tun. Aber dass man in der Praxis dann ganz schnell da hinkommt, naja, wenn ich das jetzt nicht so und so mache, dann bin ich ja kein richtiger Christ.
SPEAKER_00Genau, oder ich finde ein ganz konkretes Beispiel dafür ist, ich fall eine Sünde, vielleicht eine, die ich schon öfter gefallen bin, wo ich schon öfter um Buß dafür getan habe und Gott gebeten habe, dass er mich, dass er mir das vergibt. Ich fall wieder in diese Sünde und fange jetzt an zu glauben, nicht theologisch, sondern praktisch, ich muss mir jetzt irgendwie das Recht erarbeiten, überhaupt wieder mit Gott reden zu dürfen. Und ja, ich muss jetzt zum Beispiel einen Tag lang diese Sünde nicht tun, oder einen Tag lang jetzt nächsten Morgen ganz viel Bibel lesen und ganz lange beten, damit ich mir quasi den Status als Kind Gottes, den Zugang zu meinem Vater im Himmel, erarbeite, bevor ich dann zu ihm kommen kann und sagen kann, vergibst du mir noch einmal. Und da kann man noch so sehr theologisch von den Wahrheiten des Evangeliums überzeugt sein. Das zeigt in der Praxis, wie man jetzt plötzlich ein gesetzliches Verständnis entwickelt, anstatt zu sagen, ja, ich habe wieder gesündigt und ich bin am Boden zerstört, aber ich weiß, ich bin genauso Kind Gottes, ich bin genauso gerechtfertigt, ich darf jetzt zu Gott kommen damit, ihm meine Sünde nennen, ihn um Vergebung bitten, darüber Buße tun.
SPEAKER_01Die Gegenseite
Gesetzlosigkeit als Gegenpol
SPEAKER_01zu dieser Gesetzlichkeit, über die wir jetzt gesprochen haben, ist ja die Gesetzlosigkeit. Und ich meine, das Wort sagt schon, da ist das Gesetz einfach nicht mehr wirklich da, da ist das Gesetz irrelevant. Und ich würde auch sagen, da gibt es auch wieder diese Unterscheidung von dieser theologischen Gesetzlosigkeit, dass man einfach auf einer theologischen Ebene sagt, naja, das Gesetz ist einfach wirklich nicht mehr wichtig, das gilt nicht mehr. Das, was Gott uns angeboten gegeben hat, das war für das Alte Testament, dem Neuen Testament gilt das nicht mehr oder wie auch immer. Und auf der anderen Seite gibt es auch dann noch diese praktische Gesetzlosigkeit. Dass man zwar sagt, das Gesetz hat schon noch seine Gültigkeit, das ist nicht unwichtig, aber im praktischen Leben spielt es quasi keine Rolle. Man strebt nicht danach, das Gesetz, von dem man ausgeht, dass es gilt zu halten.
SPEAKER_00Genau. Und genau, das sind wieder zwei Gefahren. Ich sage mal, theologisch beobachten wir es heute. Ich glaube, ein Beispiel, so aus viel, jetzt gerade im evangelikalen oder freikirchlichen Spektrum, ist sowas wie vor der Ehe unverheiratete Zusammenleben, wo die meisten noch sagen würden, ja, eigentlich geht das nicht, aber dann wird es auch toleriert, wenn es in der Gemeinde passiert, wo man dann ja theologisch im Prinzip Dinge, wo die Bibel eigentlich ganz klar zu Stellung nimmt, wo Menschen in Sünde leben, das ist einfach toleriert. Das wäre so auf der theologischen Ebene. Und praktisch gesehen dann wieder, ja, indem man eben sagt, ich meine, ich sage mal, im Prinzip so ein Stück weit diese Sünde oder das, was Gott nicht so gefällt, ist, kann ich mir jetzt gönnen. Ja, ich bin ja sowieso in Christus gerechtfertigt und ja, das ist alles nicht so ernst und ja, so ein bisschen mit diesem Friedrich der Große-Vib, der ja mal gesagt hat, Gott wird mir schon vergeben, das erschießt sich seinen Beruf. Dass wir uns auch als Christen es niemals so sagen würden, aber ein Stück weit im Alltag so leben. Und dann sind wir, ich sag mal, in die praktische Falle der Gesetzlosigkeit getappt, würden auf jeden Fall theologisch sagen, ja, die Gebote Gottes, die haben ihre Gültigkeit. Und gleichzeitig leben wir aber in unserer Praxis anders.
SPEAKER_01Ich finde das Interessante an diesen beiden Dingen, an der Gesetzlichkeit auf der einen und bei der Gesetzlosigkeit auf der anderen Seite ist, dass die Bibel beide Dinge thematisiert und dass bei beiden immer wieder sehr deutlich gemacht wird, dass das kein kleines Problem ist und dass sie ja auch irgendwo eine ähnliche Herangehensweise an das Thema haben, nämlich
Biblische Beispiele: Galater und Korinther
SPEAKER_01ein falsches Verständnis von Gesetz und Evangelium. Und ich meine, wir finden das gerade im Neuen Testament, dass die Gesetzlichkeit und die Gesetzlosigkeit thematisiert wird. Bei den Galattern ist es die Gesetzlichkeit, die ganz starken Wert darauf legen, das alles so umzusetzen, wie es gesagt wird, und ihre Gerechtigkeit darin suchen. Und bei den Korinthern ist es die Gesetzlosigkeit, die halt leben, wie sie wollen, leben, als wären sie keine Christen. Und bei beiden schreibt Paulus im Galater oder im Korintherbrief, wie negativ das ist, weil sie eben das Evangelium nicht richtig verstanden haben.
SPEAKER_00Genau, und daran sieht man, das ist kein Problem, was wir erst heute haben im 21. Jahrhundert oder sowas, sondern es ist was, was ja wie eine Kinderkrankheit, was zu allen Zeiten da ist, und was ja schon die erste Generation der Christen geplagt hat. Und da gibt es eben Gemeinden, die neigen eher zum einen, da gibt es Gemeinden, die neigen eher zum anderen. Und da müssen wir eben wirklich aufpassen, dass die Gemeinde, in der wir sind oder in der wir, als wenn wir Älteste oder Pastoren sind, sogar Verantwortung tragen, ja, diese beiden Kinderkrankheiten bekämpft, vermeidet und ja, versucht zu überwinden.
Die Lösung: Rechtfertigung und Heiligung richtig verstehen
SPEAKER_01Ja, ich glaube, man kann ganz grundsätzlich sagen, dass es eigentlich zwei Lösungen für dieses Problem gibt. Das ist, ich meine, wir haben schon oft von Gesetz und Evangelium gesprochen, eigentlich ziemlich einfach zu sagen, naja, versteh das Gesetz richtig und versteh das Evangelium richtig. Und wir haben im letzten Podcast auch gesagt, dass das Evangelium vor dem Gesetz stehen muss. Und ich glaube, das ist eben das, was wir erkennen müssen, wenn wir das Evangelium richtig verstehen wollen. Dass wir verstehen, erst kommt die Rechtfertigung, erst kommt dieser Freispruch vor dem Gericht, und dann kommt eben das Wachstum in der Heiligung. Und das Gesetz ist ziemlich wenig hilfreich, wenn es um den Freispruch vor dem Gericht geht, weil das Gesetz eigentlich der Ankläger ist. Aber das Gesetz ist hilfreich, wenn es dann um die Heiligung geht, weil es uns so ein Lehrmeister ist, könnte man sagen, oder so eine Lebensregel vorgibt und uns einfach zeigt, das ist ein guter Weg, geh mal den Weg.
SPEAKER_00Du hast gesagt, das Gesetz ist relativ wenig hilfreich, wenn es um die Rechtfertigung geht. Ich würde es noch krasser sagen, das Gesetz ist absolut tödlich. Die Bibel sagt sogar, das Gesetz tötet, wenn es um die Rechtfertigung geht. Das Gesetz verlangt Vollkommenheit. Und wenn du nur einen Millimeter von dieser Vollkommenheit weg bist, dann hört jede Möglichkeit auf, durch das Kalten des Gesetzes vor Gott gerecht zu werden. Und genau deswegen ist es so wichtig, dass unsere Rechtfertigung, die im Kern des Evangeliums steht, wirklich einzig und allein basiert auf dem, was Christus für uns getan hat, durch sein perfektes Leben, wo er das Gesetz an unserer Stelle gehalten hat, durch seinen sühnenden Tod, durch seine Auferstehung, die uns das Leben schenkt. Es ist außerhalb von uns passiert, es ist ohne uns passiert. Und dadurch stehen wir gerecht vor Gott. Und das ändert sich nicht dadurch, dass wir in eine Sünde fallen. Es ändert sich auch nicht dadurch, dass wir zum x-ten Mal in dieselbe Sünde fallen. Das wird nicht besser an unseren besten, frömsten Tagen und es wird nicht schlechter an unseren schlimmsten Tagen, sondern das ist einfach immer so, weil es nicht basiert auf irgendetwas, was wir getan hätten, sondern einzig und allein auf dem, was Jesus für uns getan hat. Dann die Heiligung, da ist ein bisschen anders gelagert, insofern, auch sie basiert auf dem, was Jesus Christus für uns getan hat. Es gibt keine Heiligung ohne die Kraft des Evangeliums, ohne den Heiligen Geist. Paulus schreibt auch an die Galater nicht nur in Bezug auf die Rechtfertigung, dass es problematisch ist, wenn wir da unsere Werke reinpacken, sondern auch in Bezug auf die Heiligung, wenn wir da den Werken in den falschen Ort geben. Er sagt, ihr im Geist habt ihr es angefangen, wollt es jetzt im Fleisch vollenden. Und was er meint ist, wenn wir versuchen, unsere Heiligung aus eigener Kraft zu leben, so nach dem Motto, ich habe mich einmal bekehrt, ich bin jetzt gerechtfertigt, ich versuche jetzt die Heiligung aus eigener Kraft zu leben, dann funktioniert das nicht. Sondern auch für die Heiligung ist das Evangelium, ist der Heilige Geist die Antriebskraft.
Die Rolle des Gesetzes als „Navi" in der Heiligung
SPEAKER_00Aber, und da kommt dann das Gesetz tatsächlich zum Tragen und ist sehr, sehr wichtig, das Gesetz ist das Navi, das uns zeigt, wo es hingehen soll. Das ist nicht der Kraftstoff, der das Leben antreibt. Das geistliche Leben im Gesetz selbst steckt keine Kraft drin, aber das Gesetz zeigt uns die Richtung, zeigt uns, was gefällt Gott, wie soll ein Leben aussehen, was immer mehr dem entspricht, was Gott gefällt. Und dafür ist das Gesetz dann sehr wichtig. Und deswegen, wie du es gesagt hast, um diese beiden Fehler von Gesetzigkeit und Gesetzlichkeit zu vermeiden, müssen wir wissen, okay, welche Rolle hat das Evangelium? In der Rechtfertigung geht es nur ums Evangelium. In der Heiligung auf der anderen Seite geht es um ein haltenes Gesetzes aus der Kraft des Evangeliums heraus.
Titus 2: Gnade und Zucht
SPEAKER_01Ich glaube, genau das, was du gerade erklärt hast, kommt hier in Titus 2 sehr gut zum Ausdruck. Dort heißt es in Vers 11: Denn die Gnade Gottes ist erschienen, die Heilbringendes für alle Menschen. Das ist ja quasi dieser Rechtfertigungsgedanke. Die Gnade Gottes ist das Heil für uns, durch die Gnade Gottes sind wir in Christus, durch ihn sind wir frei. Aber dann geht es noch weiter. Dort steht dann in Vers 12: sie nimmt uns in Zucht, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Welt. Und das sagt ja letztendlich: Die Gnade ist das, was uns freispricht. Auf der Grundlage der Gnade sind wir gerettet. Aber die Gnade ist es eben auch, die nach unserer Errettung weiterwirkt, die nach unserer Errettung nicht einfach aufhört, die nicht einfach weg ist. Also das Evangelium ist kein Einmal-Ticket, mit dem du reinkommst und durch deine Werke bleibst du drin, sondern die Gnade, das Evangelium ist auch das, was dir die Kraft gibt für das, was nach der Rechtfertigung kommt. Und ich glaube, aus diesem Gesichtspunkt heraus müssen wir verstehen, wie uns das Gesetz dann dabei hilft. Also wie das Gesetz zusammen mit der Gnade bei unserer Heiligung wirkt.
SPEAKER_00Und ich glaube, wenn wir aus dem Gesetz dann eben mehr machen als ein Navi, was uns die Richtung vorgibt, dann neigen wir zur Gesetzlichkeit. Und wenn wir sagen, ich brauche kein Navi für meine Heiligung, ich habe ja das Evangelium, dann ist die Neigung dazu Gesetzlosigkeit. Und Paulus schreibt im ersten Timotheusbrief, im ersten Kapitel the Gesetz ist gut, wenn jemand es gesetzmäßig anwendet. Das bedeutet, das Gesetz ist dann gut, wenn wir ihm theologisch und in unserem praktischen geistlichen Leben den Platz einräumen, wofür es da ist. Wenn wir dadurch Leben finden wollen, dann tut das Gesetz nichts anderes als töten. Aber wenn wir es gebrauchen, ich bleib mal in diesem Bild, als Navi, um wirklich zu verstehen, okay, das ist die Richtung, wo Gott möchte, dass ich mit meinem Leben hingehe, dann gebrauchen wir es gesetzmäßig und dann ist es Gold wert.
SPEAKER_01Man könnte sagen, dass die Gnade das Gesetz in einer gewissen Weise erneuert, sodass das Gesetz uns wirklich zum Guten dient. Aber diese Erneuerung ist halt notwendig, damit wir es als Lehrmeister benutzen können. Ohne diese Erneuerung ist das Gesetz eben das Negative, dass wir, wir haben ja oft dieses Bild vom negativen Gesetz in unseren Köpfen. Und das stimmt in einer gewissen Weise, aber durch die Erneuerung dreht sich eben das Bild.
SPEAKER_00Voll. Genau. Und ja, ich glaube, dass, wie gesagt, wir haben, glaube ich, ein Problem auf der theologischen Ebene. Wie
Selbstprüfung: Warnzeichen erkennen
SPEAKER_00gesagt, wenn Gemeinden wirklich bewusst in ihrer Gemeindepraxis gesetzlich oder gesetzlos sind. Aber ich glaube, die noch viel größere Gefahr ist, dass wir wirklich in unserer Glaubenspraxis hier auf der einen oder anderen Seite vom Pferd fallen oder sogar hin und her pendeln. Also ich glaube, ich glaube, viele Christen strugglen auch damit, dass sie vom einen ins andere pendeln und vielleicht das eine zu vermeiden suchen und dann ins andere extrem rutschen, solche Dinge. Da müssen wir, glaube ich, echt aufpassen.
SPEAKER_01Ja. Ich glaube, das ist immer wieder sinnvoll, sich selbst zu prüfen, warum mache ich, was ich mache? Was sind meine Intentionen hinter meinem Halten des Gesetzes oder vielleicht auch hinter meiner Ablehnung der Gebote, ne? Also habe ich einfach Angst vor Gott und frage ich mich die ganze Zeit, bin ich überhaupt gut genug? Dann ist das ein Ja, oder bin ich überhaupt ein Kind Gottes? Oder bin ich überhaupt ein Kind Gottes? Habe ich genug das und das gemacht? Hab ich die und die Sünde genug vermieden, dann ist das ja schon ein Warnzeichen für die Gesetzlichkeit. Aber gleichzeitig gibt es ja schon auch die Warnzeichen für die Gesetzlosigkeit. Gerade dann, wenn ich merke, okay, eigentlich ist mir Gottes Wille für mein Leben in ganz konkreten Situationen, wie ich in meinem Alltag handle, wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe, nicht so wirklich wichtig. Dann zeigt mir das ja letztendlich auch, dass ich wahrscheinlich ein tieferes, vielleicht auch theologisches Problem habe.
SPEAKER_00Genau, und ja, wie gesagt, die Lösung für beides ist, dass wir das Evangelium richtig verstehen. Wirklich in diesem Rechtfertigungs- und Heiligungsgedanken immer wieder, gerade wenn diese Gedanken hochkommen, ich bin nicht genug, ich habe nicht genug getan, ich war nicht genug committed, wie man heute sagen würde, ne? Ich bin zu sagen, nein, mein Status als Kind Gottes basiert allein auf Gottes Gnade. Und gleichzeitig zu sagen, wenn ich in die Gesetzlosigkeit, gesetzlose Richtung tendiere, zu sagen, und dieselbe Gnade, die hat jetzt aber den Anspruch, mich in Zucht zu nehmen, wie Paulus an Titus schreibt, was wir gerade gelesen haben in Titus 2. Und es kann nicht sein, dass ich Kind Gottes bin und lebe wie ein Kind des Teufels. Es geht einfach nicht. Genau. Und somit ist das Evangelium tatsächlich die Antwort auf beide Fehlentwicklungen. Auf beide Kinderkrankheiten. Also ja, selbe Medizin für zwei Krankheiten, die völlig unterschiedlich aussehen, die aber in Wirklichkeit eigentlich zwei Seiten derselben Medaille sind.
SPEAKER_01Ja. Und ich glaube, gerade dann, auch wenn man sich darüber Gedanken macht, wie kann ich die Fehler vermeiden, ist es
Die Gefahr der Überreaktion
SPEAKER_01schon auch wichtig, dass man nicht in diese Überreaktion reinkommt. Ich glaube, die ist einfach schnell da. Ich glaube, das ist bei ganz vielen Dingen, wo man in ein Extrem vermeiden will, gefährlich dann in das andere Extrem abzurutschen. Und ich glaube, ein Fehler, den man immer wieder beobachten kann, ist zu sagen, naja, Gesetzlosigkeit ist sehr schlimm. Deswegen muss ich jetzt schon sehr, sehr arg auf meine Taten und so weiter achten. Und das Leben ist schwer und wir sind ja alle Sünde und deswegen ist Heiligung ganz arg wichtig. Und das bringt einen ganz, ganz nah an die Grenze zur Gesetzlichkeit. Und auf der anderen Seite findet man natürlich auch die Gegenreaktion, dass man so sehr Angst hat vor der Gesetzlichkeit, dass alles, was schon nach das Gesetz ist, gar nicht so negativ klingt, voll problematisch ist.
SPEAKER_00Ja, voll. Und ich glaube, das ist sogar, wenn man jetzt mal in Kreise geht, die theologisch reflektiert sind, ne? Und die wirklich das mit Rechtfertigung und Heiligung verstanden haben, die dir erklären können, was ist das Evangelium, wo gehört das Gesetz hin oder so. Ich sag mal, die das alle auf dem Schirm haben, aber die dann rausgucken und sagen, da gibt es das Extrem und das Extrem, vielleicht bin ich so aufgewachsen, will das extrem vermeiden und so. Und die dann zu einer, obwohl theologisch würden sie es alle richtig erklären, praktisch von der einen oder anderen Seite vom Pferd fallen, wie du es gerade beschrieben hast. Ich möchte einfach mal zwei Beispiele. Es gibt, glaube ich, Christen, die würden gerade um Gesetzlichkeit zu vermeiden, die kriegen schon die Krise, wenn man so Seize hört wie: Gott freut sich, wenn du ihm gehorchst. Da Sind wir ja schon fast bei der Gesetzlichkeit, die Rechtfertigung auf unseren Taten basieren zu lassen. Aber die Bibel sagt ganz, ganz offen: ja, Gott freut sich, wenn wir ihm gehorchen. Es ist sogar biblisch zu sagen, dass unsere Beziehung zu Gott näher ist, wenn wir Gehorsam leben. Das bedeutet nicht, wenn ich ungehorsam lebe, bin ich kein Kind Gottes mehr. Das wäre dann, das wäre dann ein Fehlstoß. Aber zu sagen, ja, es gibt Zeiten, wo ich Gott näher bin und Zeiten, wo ich weiter weg von Gott bin in meinem christlichen Leben und einfach von dem her, wie ich Gehorsam lebe, wie ich die Anbetung suche, wie ich Gott begegne, wie ich ihm diene und so weiter, das ist biblisch und das ist vollkommen richtig deswegen. Und nur um jetzt eine Gesetzlichkeit zu vermeiden, diese Sprache auf jeden Fall vermeiden zu wollen, wäre so eine Art von Überreaktion, ich sage mal gut gemeinter Überreaktion. Und auf der anderen Seite glaube ich, beobachte ich tatsächlich in Gemeinden, wo ich sagen würde, die sind theologisch sehr stark.
Beispiel: Gesetzliche Atmosphäre trotz richtiger Theologie
SPEAKER_00Die haben auch eine große Liebe zum Beispiel für die Puritaner, aber sehen ja auch in der Gemeinde, ich sage mal, eine Verwältigung, eine Verflachung, jetzt in unseren heutigen Begriffen eine gesetzlose Neigung, wo dann zwar Rechtfertigung und Heiligung richtig erklärt werden, wo auch immer wieder das Evangelium von der Gnade Gottes erwähnt wird. Aber wo, ich sag mal, von den Proportionen und von dem neudeutsch gesprochenen Vibe, der in solchen Gemeinden herrscht, so ein starker Fokus auf Heiligung ist, auf Ehrfurcht vor Gott, auf Fortschritt in der Heiligung, auf Dinge, die ein Christ eben zu tun hat. Was alles richtig ist, aber was so einen großen Platz und so einen großen, ich sag mal, atmosphärischen Einfluss in der Gemeinde bekommt, dass am Ende die Atmosphäre ein Stück weit in eine gesetzliche Richtung neigt. Obwohl man es theologisch anders sieht, anders predigt oder anders lehrt, wenn es drankommt, aber von, ich sag mal, den Proportionen, den Schwerpunkten, die man setzt. Und ich glaube, gerade diese Beispiele, die ich genannt habe, die finden sich häufig unter Menschen, Theologen, Gemeinden, wo ich sagen würde, die haben es theologisch voll durchblickt. Gesetz und Evangelium, die Gefahren von Gesetzlosigkeit und Gesetzlichkeit. Aber in der Weise, in der Art und Weise, wie sie sprechen, wie sie gewisse Dinge, ich sage mal, proportionieren, betonen, in der Gemeinde den Schwerpunkt draufsetzen, gibt es dann ein ungutes Ungleichgewicht, ungesundes Ungleichgewicht. Und ich glaube, auch das muss man im Blick haben, und das ist vielleicht der allerschwerste Teil, weil man eben grundsätzlich die Theologie geblickt hat.
SPEAKER_01Ich glaube, hier ist der große Schlüssel zu sagen, man bekämpft eben die falsche Haltung nicht
Das Evangelium als gemeinsame Medizin
SPEAKER_01mit dem anderen Extrem, sondern man nimmt immer in jedem Fall, egal ob das jetzt nach links oder rechts abtriftet, man nimmt immer das Evangelium und versucht, das mit dem Evangelium zu heilen. Und ich meine, wir haben vorher Korintherbrief und auch Galaterbrief angesprochen. Und Paulus sagt weder zu den Galatern noch zu den Korinthern, schaut mal, ihr seid in Extrem 1, geht mal in Extrem 2. Sondern er sagt zu beiden genau die gleiche Medizin, das Evangelium ist das, was ihr braucht. Und ich glaube, wenn wir das Evangelium, das richtige Verständnis vom Evangelium und vom Gesetz dann auch anwenden und das wirklich leben, dann können wir diese beiden Extreme bekämpfen. Nicht, wenn wir das eine Extrem nehmen als Medizin gegen das andere. Genau.
SPEAKER_00Ja, und ich glaube, das ist wirklich, wie gesagt, ein lebenslanger Kampf theologisch, dass wir es theologisch richtig begreifen, sondern unser Denken erneuern lassen. Persönlich praktisch, dass wir gerade diese Gefühle unseres Herzens, ne, einerseits diesen vielleicht die Verzweiflung, ich darf mich nicht Gott nähern oder auf der anderen Seite stolz, ne? Also heute kann Gott mal richtig stolz auf mich sein. Heute bin ich mal gerechtfertigter als gestern, dann habe ich es mehr verdient, sein Kind zu sein. Nur du hast es nie verdient. Diesen Kampf mit unserem, mit unserer Persönlichkeit zu leben und auch eben in unseren Gemeinden darauf zu achten, dass wir einerseits theologisch klar sind, aber dass wir andererseits eben auch von der gesamten Proportion, was nimmt in unseren Predigten, welchen Raum ein, wie beten wir, ja, mir fällt kein besseres Wort ein, diese Atmosphäre, der der Geist, der in einer Gemeinde herrscht, dass er wirklich ein Geist ist, der so vom Evangelium durchdrungen ist, dass einerseits eben klar wird, wir leben aus der Kraft des Evangeliums nach dem Gesetz Gottes. Das haben wir alle gemeinsam, da sind wir auf dem Weg. Und andererseits eben ja nicht, ich sag mal, Heiligung, Ehrfurcht das Anstrengende des geistlichen Lebens so hochhängen, dass die Befreiende, die Tröstende die Botschaft des Evangeliums, sie wirklich aufatmen lässt, dass die nicht irgendwie einfach durch Überbetonung eines gewissen Aspekts in den Hintergrund gerät.
SPEAKER_01Ja, und vielen Dank für deine Zeit. Vielen Dank, dass wir über dieses wichtige Thema gesprochen haben und dann bis zum nächsten Mal. Gerne. Bis dann.